Peter Pommerer

Wiegeschritt. Höhenflug. Wunderbares

Peter Pommerer Wiegeschritt. Höhenflug. Wunderbares
24.8.
19.9.2002
Kunstverein Hannover

Peter Pommerer, geboren 1968, ist ein obsessiver Zeichner. Seine raumgreifenden Wandbilder setzen sich aus narrativen, ornamentalen, abstrakten und gegenständlichen Bildzeichen, Malkürzeln und Grafismen zusammen. Hinter Pommerers bunten, scheinbar naiv-kindlichen Strichelbildern verbergen sich jedoch komplex konstruierte Gefüge. Die von ihm verwendeten Zeichen sind auf eine sorgsam getroffene Auswahl begrenzt und formal auf schablonierte, gut wiedererkennbare Symbole reduziert. Einzelne Motive, etwa Elefanten, Tropfen, Regenbögen oder Engel tauchen immer wieder auf und bilden die Begriffe, die den Kosmos des Künstlers gliedern. Die eingesetzten Ornamente ­ Dreiecke, Kringel, Schachbrettmuster oder Blumen ­ dienen sowohl als Bildträger wie auch als Bildhintergrund diesseits und jenseits der Umrisslinie und changieren in ihren Funktionen zwischen formaler Strukturierung oder Hintergrundgestaltung und motivisch eigenständigem, symbolischem Bedeutungsgehalt. Für den Kunstverein hat Pommerer eine mehrere Räume umfassende Gesamtinszenierung entwickelt, in denen den einzelnen Räumen verschiedene Charaktere in allegorischer Steigerung zugewiesen werden. Der “Wiegeschritt” bildet die Einstimmung: Auf der dem Fenster gegenüberliegenden Wand sind auf großen Rollbildern schematisierte Darstellungen von Tropfen, Elefanten, Regenbogen und Kronen zu sehen. An der Stirnwand des Raumes blickt sich ein mit bunten Ornamenten gezeichnetes Elefantenpaar in die Augen.

Bereits in diesem Raum wird das Bestreben des Künstlers deutlich, mit dem Mittel der Zeichnung den Raum auf vielfältige Weise auszuloten: Graffitiähnliche Zeichnungen schlängeln sich an den Heizungsrohren entlang oder wuchern in die Fensterstürze hinein, die in die Wand eingelassene Tür an der Stirnseite des Raumes ist in ihrer gesamten Fläche wie ein eigenständiges Bild bemalt.

Auf einen “Höhenflug” entführt der folgende Raum mit vier jeweils im Anschnitt dargestellten “Halb”-Engeln. Die Figuren setzen sich aus farbigen Musterbändern zusammen, die sich mäanderartig durch alle vier Raumecken ziehen. Die Gestalt des Engels steht bei Pommerer für den poetischen Schnittbereich zwischen der Realität und dem Jenseits als dem Universum denkbarer Möglichkeiten. Als halbe Körper bezeichnen sie die Grenze zwischen sich und dem anderen, halten dabei jedoch die Vorstellung des Übertritts in das überirdische Reich des Irrealen offen. Der leuchtenden Farbigkeit dieses Raumes stellt Pommerer seine dämmrige “Wunderkammer” entgegen. In Reminiszenz an die Wunderkammern des 18. Jahrhunderts verteilt er über die Wände die mit Hilfe von Schablonen gezeichneten Schattenrisse von Dingen, die für ihn in der Vergangenheit wichtig waren: Von Stellagen eingerahmt, jedoch ohne erkennbares Ordnungsprinzip erscheinen erinnerte Gegenstände wie Gitarren, Donald Duck, Pinguine, Flipper, Kaulquappen und Bücher. Sie verweisen ohne Hierarchie auf die ambivalente Struktur des Vergangenen, das, aus heutiger Sicht vergegenwärtigt, immer auch eine Disposition für die Zukunft erhält. Als “metaphorische Zeichenmaschine” verblendet diese persönliche Wunderkammer Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges ineinander. Aus dem dunklen Raum tritt der Besucher in die lichte Leere des weiten Oberlichtsaales, den Pommerer bis auf die beiden Stirnwände leer belassen hat. Der Blick richtet sich in die Tiefe des Raumes, auf die Fluchttür in der Wand auf der anderen Seite.

	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2002
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2002
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2002
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2002
Peter Pommerer 	»Wiegeschritt«, 2002
Peter Pommerer »Wiegeschritt«, 2002