Ingrid Calame / Mathilde Heijne / Jörg Wagner

Ingrid Calame / Mathilde Heijne / Jörg Wagner
10.6.
5.9.2004
Kunstverein Hannover

Mit Ingrid Calame (*1965), Mathilde ter Heijne (*1969) und Jörg Wagner (*1967) stellt der Kunstverein Hannover drei junge Künstlerpersönlichkeiten zur Diskussion, deren beziehungsreiche und viel versprechende Arbeiten einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland bisher nur ausschnitthaft vorgestellt wurden.

Die Malerei der in New York geborenen und heute in Los Angeles lebenden Ingrid Calame entfaltet sich in einem Unschärfebereich zwischen referenzloser Abstraktion und hohem Realitäts- und Raumbezug. Ihre Bilder setzen sich aus einzelnen unabhängigen Farbereignissen zusammen: Die bunten, Gestik und Zufall, Dynamik und Komposition zugleich vermittelnden Flecken wirken wie in einem aktionistischen Malprozess auf die Leinwand geschüttet und sind doch klar konturierte, in klassischer ‘hard edge’-Manier ausgeführte Setzungen. Diese Zwiespältigkeit löst sich erst dann auf, wenn die scheinbare Augenfälligkeit in Frage gestellt wird. Zwar sind dies alles tatsächlich zufällige Gesten, aber sowohl der Ort ihrer ersten Ausführung als auch ihre Intention sind vom in Emailfarbe auf Aluminium gemalten Bild denkbar weit entfernt: In einem ineinander greifenden Prozess trägt die Künstlerin alltägliche Flecken auf Böden oder Straßen mit Pauspapier ab und fügt sie dann zu neuen Arrangements zusammen, um sie von neuem abzupausen und auf den Bildträger zu übertragen. Dieser faszinierende Moment des Transfers erhält im besten Sinne raumbezogene und formatsprengende Dimensionen, wenn wie für den Kunstverein Hannover die Flecken in ausufernden Konstellationen komplette Wand- und Raumfluchten vereinnahmen.

Das Werk der in Straßburg geborenen und in Berlin sowie Amsterdam arbeitenden Mathilde ter Heijne umkreist Projektionen und Transferprozesse zwischen öffentlichen und privaten Räumen ganz anderer Art. Ter Heijne inszeniert sich selbst oder nach ihrem Bild geschaffene Puppen als Selbstmordattentäter. Mit Texten zum Phänomen der Selbsttötung als Protestform und politische Waffe stellt die Künstlerin ihre installativen Video- und CD-ROM-Arbeiten in einen politisch-terroristischen Zusammenhang. Die enorme emotionale Wucht allerdings ergibt sich aus der Verquickung von Schuld und Verzweiflung, aus Fanatismus und Selbstaufgabe, Egoismus und Ideologie, die in einem intimen Moment des Aneignens und Erprobens fremder Lebensentwürfe fußt. Dieses Spiel mit Identität und Abbildung verdichtet sich in einer vordergründig unpolitischen Arbeit. Indem ter Heijne ihren Dummies Gesicht und Stimme leiht, nimmt sie die Persönlichkeiten fiktiver Künstlerinnen aus Romanen des letzten Jahrhunderts an. Aus den in sich gekehrten Selbstportraits, die mit ter Heijnes Stimme Textpassagen ‚ihrer‘ Romane vortragen, entsteht ein beziehungsreicher, Gefühle verdichteter Grenzbereich, in dem wir der echten Künstlerin einzig als multiples Konstrukt und facettenreiche Tarnung begegnen.

Die Papierräume des in Waiblingen geborenen und in Köln lebenden Jörg Wagners sind zuerst Projektionen im wortwörtlichen Sinne. Der Künstler legt die Wände eines scheinbar beliebigen Zimmers rundum mit großbahnigem Fotopapier aus. Nachdem er die Möbel wieder an ihren ursprünglichen Ort platziert hat, belichtet Wagner den Raum. Anschließend werden die Bahnen wieder abgenommen und entwickelt. Diese papierenen Nachbilder geben den Binnenräumen eine skulpturale, begehbare Außenform. Als fragile Zelte überführen sie in einer intelligenten Wendung die Flächigkeit der Fotografie wieder in die dritte Dimension. Wagners Vexierspiele zwischen Innen und Außen entpuppen sich jedoch bald als emotional besetzte, im weitesten Sinne biografisch anverwandelte Orte. Jugendzimmer und Wohnkoje im Atelier erscheinen ebenso ‘nachbildwürdig’ wie die in die australische Wüste geschlagene Behausung eines entfernt verwandten Opalschürfers. Dieser Verwandte Wagners – er wirkte als Statist in „Mad Max“ mit – gibt weiteren biografisch motivierten Unternehmungen Raum: Wagner unterlegt Sequenzen des Films mit der Geschichte des entfernten Onkels, und die Zelte mutieren zu amorphen Einmannkinos seiner „Mad Max“-Adaption.

Die intelligenten und viel versprechenden Werkkonzepte Calames, ter Heijnes und Wagners finden in Hannover zu einem diskursiven, ästhetisch wie inhaltlich beziehungsreichen Miteinander. Gleichwohl behaupten sie sich als markante und souveräne Einzelpositionen. Zur Ausstellung erscheint ein umfänglicher, dreiteiliger Katalog, der jedes Œuvre in seiner Eigenständigkeit darstellt, darüber hinaus aber auch hier das komplexe Nebeneinander abbildet.

Courtesy Galerie Luis Campaña, Köln">Jörg Wagner 	»capsule69«, 2001
Jörg Wagner »capsule69«, 2001
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2004