Marcel van Eeden

Celia

Marcel van Eeden Celia
1.7.
20.8.2006
Kunstverein Hannover

Das Werk des holländischen Zeichners Marcel van Eeden ist in den letzten Jahren international durch Ausstellungen im Museum für zeitgenössische Kunst in Den Haag und im CGAC in Santiago de Compostela und zuletzt auf der Berlin Biennale 2006 aufgefallen. Seine Arbeiten erscheinen auf den ersten Blick fast altmodisch: Auf kleinformatigen Blättern entstehen seit 1993 Tausende von Farb- und Negrostift-Zeichnungen, die eine enzyklopädisch anmutende Themenvielfalt vor uns aufblättern. Nichts Flüchtiges oder gar Skizzenhaftes haftet diesen Blättern an, es sind fein ausgearbeitete, präzise Zeichnungen verschiedenster Szenen und Gegenstände, offensichtlich inspiriert durch Vorlagen aus Zeitschriften, Büchern oder topografischen Atlanten.
Inhaltlich zusammengehalten wird dieser so verwirrend vielfältige Schwarz-Weiß-Kosmos durch die Entscheidung des Künstlers, für seine Zeichnungen ausschließlich auf Material zurückzugreifen, das vor seiner Geburt im Jahre 1965 veröffentlicht wurde. Was wir im Abschreiten der blockartig angeordneten Zeichnungsfolgen sehen, ist also ein obsessiver Versuch der Rekonstruktion einer Zeit, die sich der eigenen Erfahrung des Künstlers entzieht. Das Panorama der 1920er bis 1960er Jahre, das van Eeden entfaltet, zeigt uns eine Zeitgeschichte, an der das zeichnende Ich nie teilgehabt hat. Zugleich markiert er damit die unüberbrückbare Kluft, die ihn von dieser Historie trennt. Das Schwarz-Weiß der Zeichnungen ist insofern sowohl als Spiel mit der quasi-dokumentarischen Dimension des Projektes zu lesen, wie auch als melancholischer Hinweis auf den unabschließbaren Charakter des Unternehmens. Interessanterweise bezeichnet van Eeden sein Projekt als „Enzyklopädie meines Todes“. Auf den ersten Blick mag das irritierend wirken – beziehen sich doch die Arbeiten auf die Zeit vor seiner Geburt. Tatsächlich steht dahinter jedoch die Erkenntnis, dass der Zustand völliger Abwesenheit der eigenen Erfahrung im gleichen Maße für die Situation vor unserer Geburt, wie für die Zeit nach unserem Tod gilt, was beide Zeiträume auf paradoxe Weise vergleichbar macht.
Die Ausstellung im Kunstverein Hannover zeigt erstmalig die etwa 150 Zeichnungen umfassende Serie „Celia“, 2004–2006, in der Text- und Bildelemente in äußerst eigenwilliger Weise miteinander kombiniert werden. Aus insgesamt vier Büchern – J. van Oudshoorns expressionistischem Laatste dagen (Last Days, 1927), aus der Autobiografie des Hochstaplers Jack Bilbo, An Autobiography (The first forty years of the complete and intimate life story of an Artist, Author, Sculptor, Art Dealer, Philosopher, Psychologist, Traveller, and a Modernist Fighter for Humanity) (1947), sowie aus T. S. Eliots Cocktailparty (1949) und Robert Walsers Spaziergang (1917) – hat der Künstler jeweils längere Textpassagen ausgewählt und mit Motiven kombiniert, die bis auf eine Ausnahme keinerlei direkten Zusammenhang zum Textgeschehen aufweisen. Gleichzeitig verzichtet van Eeden auf jegliche Quellenangaben und markiert weder den Anfang noch das Ende der jeweiligen Textabschnitte. Der Betrachter hat den Eindruck, eine lineare Erzählung vor sich zu haben, deren Logik jedoch in der Text-Bild-Beziehung pausenlos vom Künstler unterlaufen wird.
Neben dieser neuen Reihe von Zeichnungen wird ein größeres Konvolut (etwa 150 Zeichnungen) aus früheren Jahren präsentiert, ebenso wie 150 Zeichnungen der so genannten Wiegand-Serie, die bereits auf der Berlin Biennale zu sehen waren. Zugrunde gelegt ist hier die Person eines gewissen Karl McKay Wiegand, ein eher unbedeutender Botaniker, der 1873 in den USA geboren wurde und der im Bilderkosmos des Marcel van Eeden ein neues, aufregendes – nie gelebtes – Leben eingehaucht bekommt: Er kämpft um die Boxweltmeisterschaft, heiratet Liz Taylor, malt in seiner Freizeit abstrakte Bilder und schreibt Bücher. Dabei besteht hier im Gegensatz zu den Arbeiten aus der Celia-Serie eine direkte Beziehung zwischen Bildsinn und Textsinn.

Marcel Van Eeden 	»Untitled«, 2004-2006
Marcel Van Eeden »Untitled«, 2004-2006
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2006
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2006
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2006
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2006
	Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2006
Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover, 2006