Stufen zur Kunst

Esther Stocker – Gestalt

Stufen zur Kunst Esther Stocker – Gestalt
14.5.2011
29.2.2012
Kunstverein Hannover

Stufen zur Kunst ist eine Projektreihe der Stiftung Niedersachsen und des Kunstvereins Hannover. Die Reihe präsentiert in jährlich wechselndem Rhythmus raumgreifende Installationen, die speziell für das Treppenhaus im Ostflügel des Künstlerhauses entwickelt wurden. Seit 2010 werden jährlich fünf Künstler eingeladen, einen Projektvorschlag für das Treppenhaus zu entwickeln. Mit ihrem Konzept für die Installation »Gestalt« setzte sich 2011 die in Wien lebende Künstlerin Esther Stocker (*1974) durch und bespielt nun nach Christian Helwing als zweite Künstlerin dieser Projektreihe den halböffentlichen Raum.

In Esther Stockers für das Treppenhaus entwickelter Installation »Gestalt« erstrecken sich – wie im freien Fall – im Inneren des Treppenaufgangs auf über 17 Meter, von der Decke bis zum Boden, schwarze geometrische Elemente unterschiedlicher Größen. Die auf lineare Umrisse reduzierten und teils in leichter Schräglage positionierten Dreiecke, Kreise, Rechtecke und Quader rhythmisieren die ansonsten überwiegend vertikale Ausrichtung des Gefüges. Senkrecht ausgerichtete und in unterschiedlich große Elemente zerlegte Linien nehmen die Struktur des Treppengeländers auf und dominieren nicht nur das Innere des Treppenaufgangs, sondern setzen sich an den umgebenden Wänden fort. Die mit dem Prinzip der Widerholung arbeitende Komposition aus wenigen, leicht variierenden Grundelementen betont und dynamisiert die vertikale Formation des architektonischen Raumkörpers.

Der Betrachter ist bei Stockers Installation scheinbar mitten im »Bild«, das sich beim Begehen des Treppenaufgangs in wechselnder Blickperspektive unaufhörlich neu formiert. In der Begehung schwindet die klare Ordnungsstruktur zugunsten eines spannungsreichen Zusammenspiels aus Überlagerung und Überschneidung, Bewegung und Gegenbewegung.
»Gestalt« umfasst mehr als die Summe ihrer einzelnen Bestandteile. Die Installation thematisiert das Verhältnis der einzelnen Teile zueinander, das Zusammenspiel von sichtbaren Elementen und verbleibenden Leerstellen, die sich im Kopf des Betrachters miteinander verbinden. »Mich interessiert das nahe Verhältnis von Fiktion und Realität ebenso wie die Tatsache, dass ein Kunstwerk erst durch den aktiven Prozess der Betrachtung vervollständigt wird«, so Esther Stocker.

Minimalistische Ordnungssysteme bilden die strukturelle Grundlage von Esther Stockers malerischem Werk sowie von ihren Interventionen in Innenräumen und an Gebäudefassaden. Seit Mitte der 1990er Jahre entwickelt die gebürtige Südtirolerin unzählige Variationen von Rastern aus geometrischen Strukturen, deren strenges Regelwerk sie zugleich unterläuft. Irreguläre Abweichungen und subtile Verschiebungen brechen die regelmäßige Struktur bis hin zur scheinbaren Auflösung. Die in kontrastreichem Schwarzweiß und wenigen Grauschattierungen gehaltenen Arbeiten spiegeln eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Konstruktivismus’ und der Op-Art sowie mit Rasterstrukturen gegenwärtiger Bildgebungsverfahren.

Signifikanterweise bewegt sich Esther Stockers gesamtes Werk um wahrnehmungstheoretische Fragestellungen, um die Bedingungen und Funktionsmechanismen visueller Wahrnehmung. In vielen ihrer Gemälde und installativen Arbeiten erzeugen minimale Transformationen oder unregelmäßige Verschiebungen innerhalb einer regelmäßigen Struktur optische Brüche. Die Diskontinuitäten, Störungen, Abweichungen und Zergliederungen einer zunächst berechenbar wirkenden Systematik durchbrechen jegliche Stabilität, bis die Muster vor den Augen zu flimmern und flirren beginnen. Esther Stocker zeigt Ordnung und führt zugleich deren Auflösung vor Augen. Ihr Werk ist ebenso präzise wie fragil, stabil wie flüchtig und beharrt stets auf die Zweideutigkeiten des Sehens.

Esther Stocker studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand sowie am Art Center College of Design, Pasadena in Kalifornien. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Stadt Wien (2009), dem Südtiroler Preis für Kunst am Bau (2007) sowie dem Otto-Mauer-Preis (2004).

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