Stufen zur Kunst

Julia Oschatz – Wort gebohrt: Mit Toten tauschen

Stufen zur Kunst Julia Oschatz – Wort gebohrt: Mit Toten tauschen
23.6.
2.7.2016
Kunstverein Hannover

Stufen zur Kunst ist eine Projektreihe der Stiftung Niedersachsen und des Kunstvereins Hannover Seit 2010 werden in wechselndem Rhythmus raumgreifende Gestaltungen präsentiert, die speziell für das Treppenhaus im Ostflügel des Künstlerhauses entwickelt werden. Unter fünf eingeladenen Künstlern setzte sich dieses Jahr die Künstlerin Julia Oschatz (*1970, lebt und arbeitet in Berlin) mit ihrem Konzept für die Installation „Wort gebohrt: Mit Toten tauschen” durch und bespielt nun als sechste Künstlerin dieser Projektreihe den halböffentlichen Raum.

Julia Oschatz' ortsspezifische Installation verwandelt das Treppenhaus in das Innere eines festungsartigen Turms, in dessen Zentrum sich ein stilisierter Bohrturm und zahlreiche Fahnen befinden. Ihre raumbestimmende Arbeit thematisiert nichts Geringeres als das Wesen des Menschen und sein Handeln in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In einer Mischung aus Tragik und Komik verbindet Oschatz – ausgehend von Worten berühmter Denker – zeichnerische, installative und filmische Elemente zu einem vielschichtigen Geflecht aus Verweisen rund um die Schwächen wie auch Errungenschaften des Menschen.

Mit freiem Pinselstrich, der die Dynamik des Malprozesses widerspiegelt und Unregelmäßigkeiten einschließt, skizziert Oschatz anhand schematisierter Bausteine eine räumliche Illusion, die den Realraum nicht nur drastisch erweitert, sondern auch vielfache Dimensions- und Perspektivwechsel vollzieht. Die Wandzeichnung lässt eine im wörtlichen Sinne verrückte Raumarchitektur entstehen, in der sich die Künstlerin souverän wie humorvoll über die architektonischen Gegebenheiten hinwegsetzt. So bilden riesige gezeichnete, bausteinartige Elemente eine aufstrebende Raumflucht, die von schwarzen, horizontalen Gliederungen durchbrochen wird, welche einer anderen perspektivischen Ansicht folgen und architektonische Bestandteile des Treppenhauses zugleich aufgreifen wie weiterführen. Im Wechsel von räumlicher Illusion und deren Dekonstruktion erzeugt Oschatz einen Raum voller Brüche und Verrückungen, in dem der Besucher auf unterschiedliche Perspektiven, Auf- und Ansichten trifft. Zugleich unterteilt die Wandzeichnung das Treppenhaus in fünf verschiedene Bereiche (Untergeschoss, erste und zweite Etage, Aussichtsplattform und angedeuteter Himmel), welchen jeweils ein in die Fugen der Wandzeichnung eingeschriebenes Zitat zugeordnet ist.

Im Inneren des Treppenaufgangs erstreckt sich bis zur obersten Etage ein schematisierter Bohrturm aus schwarzen Holzbalken. An ihm befestigt sind kleine Schautafeln mit Notizen und Skizzen sowie Monitore, die kurze SW-Videos zeigen und mit an den Wänden angebrachten, großformatigen Fahnen in Beziehung treten. Deren Ausgangspunkt bilden die Zitate berühmter Dichter, welche in chronologischer Folge den Etagen zugeordnet sind und auf unterschiedliche Weise das Wesen des Menschen im Spannungsfeld von Passivität und aktivem Gestalten verhandeln. So formen im Erdgeschoss die Worte Sophokles' „Vielgestaltig ist das Ungeheure, doch nichts ungeheurer als der Mensch“ (um 440 v. Chr) den Beginn eines sich immer weiter verzweigenden Geflechts aus zeichnerischen und filmischen Setzungen. Diese werden von Etage zu Etage fortgesetzt – etwa durch die Aneignungen der Gedanken Dantes (ca. 1300) oder Spinozas „Es geht darum, in den Ursachen nicht unterzugehen, nicht Knecht der Affekte zu werden“ (ca. 1600) – und finden auf der Höhe des Turmendes mit den Worten Bergsons (ca. 1920) ihren Abschluss. Die Fahne und das Video, die sich oberhalb des gezeichneten Turms befinden, sind einer 2016 Verstorbenen gewidmet.

Eine zentrale Rolle im Werk von Julia Oschatz spielen seit vielen Jahren maskierte Figuren, die solitär in ihren Filmen auftreten. Die hier gezeigten Filmaufnahmen entstanden – in Anlehnung an die jeweilige Lebenszeit der zitierten Philosophen – vor der Kulisse von historischen, weitgehend steinernen Bauwerken, wie dem Heidentempel in der Eifel (ca. 330 v Chr.), der Nikolaikapelle in Hannover (ca. 1325), der Zitadelle in Berlin-Spandau (ca. 1560), der stillegelegten Zeche im Landschaftspark Nord in Duisburg (ca. 1915) und am Astropeiler Stockert in Bad Münstereifel (1956). Im Zentrum der Filme steht ein Wesen mit eigentümlicher Maske aus Pappe, Plastik und Metall, die den Kopf verdeckt und zugleich erweitert. Als einsamer Hauptdarsteller vollzieht die Figur durch einen aktiven Umgang mit ihren Kopfaufsätzen slapstickartige Handlungen, die vom tragikomischen „Fortkommen“ und Scheitern menschlichen Bemühens handeln. Im Stocken reibungsloser Abläufe ereignet sich die bizarre Zwiesprache von Wesen und Ding, Kunstfigur und Erfindung. Dabei gelingt es Oschatz, sowohl die innere Beziehung zu den Bedingungen und Gesetzen der äußeren Welt zu verhandeln wie auch Befreiendes und Anrührendes freizusetzen.

Die kleinen Schautafeln mit Bild- und Textverweisen entstanden in Auseinandersetzung mit verschiedenen Lektüren, die jeweils am rechten oberen Bildrand vermerkt sind. „So, wie wir denken, leben wir“ sagte beispielsweise der englische Philosoph Alfred North Whitehead (1861–1947) in seinem Buch „Denkweisen“, das Grundlage verschiedener Notate ist. Ebenso wie die in die Fugen der Wandzeichnung eingeschriebenen Zitate Basis assoziativer zeichnerischer und filmischer Aneignungen sind, zeigen auch die Panels ein subjektives Netzwerk wörtlicher Bezugnahmen und freier bildnerischer Übersetzungen.
Mit der Installation, die eigens für das Projekt „Stufen zur Kunst“ im Treppenhaus entwickelt wurde, schuf Julia Oschatz ein komplexes Werk, das unterschiedliche formale Stränge miteinander verbindet und einen breit angelegten gedanklichen Kosmos öffnet. Im Durchschreiten der verschiedenen Etagen wird der Betrachter zum Seismographen einer Arbeit, deren Mannigfaltigkeit sich durch mentale wie physische Perspektivwechsel erschließen lässt.

Biografisches: Julia Oschatz studierte u. a. an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach, und der Städelschule, Frankfurt a. M. Arbeiten der Künstlerin waren bereits in den Staatlichen Museen zu Berlin (2014), im Kunstverein Wolfsburg (2014), Kunsthaus Erfurt (2012) oder Museo de Arte Contemporáneo, Santiago de Chile (2012), zu sehen. Zusätzlich wirkte sie als Bühnenbildnerin an Theaterprojekten wie „Othello“, Gorki Theater, Berlin (2016), „König Ubu“, Staatstheater Schwerin (2014), „Dreizehn Drei Dreizehn“, HAU 2, Hebbel am Ufer, Berlin (2013), mit.

Hintergrund zur Projektreihe Stufen zur Kunst: Stufen zur Kunst ist eine Projektreihe der Stiftung Niedersachsen und des Kunstvereins Hannover. Seit 2010 werden je Turnus fünf Künstler eingeladen, einen Projektvorschlag für das Treppenhaus zu entwickeln. 1999 wurde im Zuge des Umbaus im Ostteil des 1856 von Conrad Wilhelm Hase entworfenen Künstlerhauses Hannover von den Architekten Pax + Brüning ein großzügiges Treppenhaus als direkter Zugang zur Stiftung Niedersachsen eingebaut, dessen Architektur bewusst zurückhaltend und minimalistisch gestaltet wurde, um Raum für künstlerische Projekte zu schaffen. Bisherige Teilnehmer waren Kathrin Sonntag (2014), Heike Mutter und Ulrich Genth (2013), Lothar Götz (2012), Esther Stocker (2011) und Christian Helwing (2010).
Julia Oschatz »Wort gebohrt: Mit Toten tauschen«

Julia Oschatz 	»Wort gebohrt: Mit Toten tauschen«
Julia Oschatz »Wort gebohrt: Mit Toten tauschen«