Manuel Graf

Manuel Graf
16.2.
14.4.2019
Kunstverein Hannover

Der Kunstverein Hannover realisiert im Frühjahr 2019 eine umfassende Überblicksausstellung zu dem Künstler Manuel Graf (*1978 in Bühl, lebt und arbeitet in Düsseldorf), die dessen facettenreiches, an der Schnittstelle von digitaler und analoger Realität, Artifizialität und Natürlichkeit operierendes Schaffen vorstellt. Manuel Graf studierte von 1999 bis 2005 an der Kunstakademie in Düsseldorf und lehrte ab 2011 als Gastprofessor an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Seit 2014 hat er einen Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf. In Hannover soll nicht nur Grafs bisheriges Schaffen präsentiert werden, sondern auch jüngste Arbeiten, die sich mit der Technik der 3D-Animation und des Architektur-Renderings auseinandersetzen. Die genannten technischen Errungenschaften haben in den vergangenen Jahren zu einer Umwertung der ästhetischen Deutungshoheit geführt, die der Künstler im Zusammenspiel mit den einzigartigen Räumlichkeiten des Kunstvereins Hannover ins Analogzeitalter überführen wird. Unter Einsatz des Tiefziehverfahrens erschafft er Reliefs, die in ihrer Ästhetik digital anmuten, gegenständlicher aber kaum sein könnten. Es braucht nicht lange, um manche Janusköpfigkeit zu entdecken. Diese Ambivalenz spiegelt sich nirgendwo so deutlich wie in dem Bereich der zunehmenden Digitalisierung unserer Gesellschaft, während eine neue Form der künstlichen Intelligenz unser privates und öffentliches Leben durchzieht. Im Kunstverein wird Manuel Graf erstmalig die räumlichen Voraussetzungen vorfinden, unter denen er seine konzeptionell tiefgreifenden Themenkomplexe konzentriert zusammenführen kann. In seinem medienübergreifenden künstlerischen Ansatz verfolgt Graf eine kritische Auseinandersetzung mit Fragen zur Grenze zwischen Architektur- bzw. Gesellschaftsutopie und realer (Lebens-) Wirklichkeit sowie mit der Dualität von Digitalem versus Analogem. Die Zweiseitigkeit thematisiert er in seiner Langzeit-Werkreihe »Doppelgänger«.
Die analoge Welt – präsentiert in Form unterschiedlicher Einrichtungsgegenstände (Stühle, Teppiche) – findet ihr künstliches Fortleben in der mimetischen Projektion auf Monitoren. Ehemals haptisch erfahrbare Objekte entwickeln durch die Digitalisierung ein Eigenleben, das sich durch Morphings unterschiedlichster Art äußert.
Die transmediale Herangehensweise Grafs zeigt sich außerdem in seinem Umgang mit der künstlerischen Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts, deren Anspruch und erklärtes Ziel eine Zusammenführung von Kunst und Leben unter Einbeziehung unterschiedlichster Gattungen (Malerei, Skulptur, Architektur und angewandte Kunst) beinhaltete. Der Künstler greift diesen Kernaspekt der Moderne auf, wendet ihn jedoch dezidiert auf unsere unmittelbare Gegenwart an: Wie äußert sich diese Zusammenführung von Kunst und Leben in unserem schnelllebigen Alltag? Lassen sich wiederkehrende ästhetische Modi in unserer Gesellschaft herausfiltern? Sind konkrete Mechanismen oder Funktionen an diesen Phänomenen ablesbar? Das Ergebnis ist ein künstlerisches Werk, das zwischen der altbekannten Vorstellung der Moderne
und der heutigen Zeit abwägt und elegant navigiert. Die Gegenüberstellung von Realem und Virtuellem erweitert sich bei Manuel Graf auch um die Frage, ob die neuen technischen Errungenschaften unserer Gesellschaft die erhoffte digitale Utopie ermöglichen oder stattdessen ein dystopisches Szenario entstehen lassen. Für Graf, der seit Jahren zwischen Istanbul und Düsseldorf pendelt, ist die Auseinandersetzung mit den kulturellen Codices von Orient und Okzident ein weiterer Aspekt seiner künstlerischen Arbeit: Historische Artefakte beider Kulturkreise, wie beispielsweise Keramikobjekte, werden von ihm neu interpretiert, verfremdet und als aktualisierte Zeugnisse unserer Zeit zur Diskussion gestellt. Es ist dieser interdisziplinäre Umgang mit kulturellen Fakten, kunsthistorischen Positionen und der digitalen Veränderung, die Manuel Graf als einen der künstlerischen Hauptvertreter seiner Generation ausweisen.