Yuri Ancarani

Arbeiten 2002–2022

Yuri Ancarani Arbeiten 2002–2022
5.11.2022
8.1.2023
Kunstverein Hannover

Der Kunstverein Hannover zeigt die erste umfängliche Einzelausstellung des italienischen Künstlers Yuri Ancarani in Deutschland. Mehrfach mit Filmpreisen ausgezeichnet, arbeitet er fast ausschließlich mit Bewegtbild, wobei er sich als Bildhauer versteht, dessen Arbeiten zwischen Dokumentarfilm im Kinoformat und zeitgenössischer Kunst angesiedelt sind.

Seine Filmarbeiten, oft in Spielfilmlänge, die er nun das erste Mal explizit als installative Situationen fasst, handeln an und von Orten und Menschen, die sich üblicherweise der öffentlichen Zugänglichkeit entziehen. Und sie zeigen zwar einige wundervolle, gleichzeitig aber auch abgründige Momente.

Ancaranis Werkzeuge sind recherchebasiertes Narrativ und Schnitt, die Aufnahmen monumental und gleichsam intim. Der Künstler zeichnet vordergründig Portraits im Anthropozän, deren unmittelbare Nähe subversive Effekte hat. Im Angesicht von ‚Mensch und Maschine‘ tritt die Schönheit der Natur ihrer Unterwerfung durch den Menschen gegenüber – der Basis des Selbstverständnisses unserer Moderne. Das Ergötzen an Hochleistung und menschlichem Genie kippt gerade vor dem Hintergrund der antizipierten Endlichkeit natürlicher Ressourcen.

Ancarani operiert an diesem Kipppunkt der Bildgewalt: beschreiben nicht obskure Stille und Kälte, Müllhalden und Abgase viel deutlicher, was der kontemporäre Mensch ist, als etwa Gold, Sportwagen und die venezianische Nacht? Man könnte die Arbeit Yuri Ancaranis als poetische Aktualisierung der Qatsi-Trilogie von Godfrey Reggio lesen.

Im Kunstverein Hannover wird eine Komposition von Arbeiten der letzten zwanzig Jahre gezeigt. Der Künstler hat installative Formate gefunden, die einen Umgang durch seine zwei Dekaden künstlerisch-filmischen Schaffens erlauben und jeweils stark editierte, kurze Sequenzen sind. Zwei seiner 70- bis 100-Minüter sind während der Laufzeit der Ausstellung in einer Kollaboration mit dem Kommunalen Kino im Künstlerhaus zu sehen: Sein neuester Film »Atlantide« (2021) gewährt einen ungewöhnlichen Blick auf Adoleszenz in Venedig – und zeigt die Lagunenstadt von einer ganz anderen Seite. Als zweiter läuft »The Challenge«, der zusammen mit »Wedding« (beide 2016) in Katar entstanden ist und patriarchale Riten zeigt, die zwischen Luxusgütern und Traditionen situiert sind.

Auch ist ein neuer Schnitt der Serie »Ricordi per Moderni« (2009) zu sehen – eine Reihe von Kurzfilmen, die sich mit dem soziokulturellen und landschaftlichen Wandel der Riviera Romagnola auseinandersetzt.

Seine bekannteste Arbeit, »Il Capo« (2010), ist eine bildgewaltige Hymne an einen »Dirigenten« des Marmorabbaus in Carrara, einen Meister des Steinbruchs, in dem Mensch und Maschine fast intim über Gesten und Zeichen zusammenkommen, um Schwerstarbeit zu verrichten. Hoch ästhetisch, obskur still, unheimlich und eindrücklich, wie uns der Raubbau natürlicher Ressourcen gerade vor den aktuellen Geschehnissen in 2022 begegnet.

Für die Manifesta 12 (2018) in Palermo entstand »Lapidi«, die nun das erste Mal als filmisches Triptychon eine neue Form findet – eine Arbeit, die sich der lokal praktizierten Erinnerungskultur der Mafia-Opfer in Sizilien widmet.

Zum ersten Mal im Ausstellungskontext wird auch »San Vittore« (2018) zu sehen sein, eine Arbeit, die im größten Gefängnis in Mailand entstand und von Kindern handelt, deren Eltern Haftstrafen verbüßen.

Durch präzise Beobachtung und poetische Setzung von Bild und Ton erzeugt Yuri Ancarani ausdrucksstarke Bilder, die als Installationen kurzfristig eine andere Taktung vermitteln. Sie lassen uns nicht nur die Tür einen Spalt offen, sondern setzen den Betrachter in der Ich-Perspektive mitten in eine Realität, die vermeintlich als Mythos oder Hintergrundszene existiert, als Nebenschauplatz oder im Maschinenraum. In zwanzig Jahren hat Ancarani eine Vielfalt experimenteller Filme produziert, die mit einer Vielzahl von Festivalpreisen ausgezeichnet wurden und in Hannover als Ausstellungsrundgang erlebt werden können.

Eingeladen von Kathleen Rahn and Sergey Harutoonian, kuratiert von Christoph Platz-Gallus
Mit freundlicher Unterstützung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, der Stiftung Niedersachsen und der Galerie Isabella Bortolozzi

Yuri Ancarani. Arbeiten 2002–2022
Yuri Ancarani. Arbeiten 2002–2022
Yuri Ancarani. Arbeiten 2002–2022
Yuri Ancarani. Arbeiten 2002–2022
Yuri Ancarani. Arbeiten 2002–2022
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