Hans Op
de Beeck

visual fictions

Hans Op de Beeck visual fictions
8.9.
11.11.2012
Kunstverein Hannover

Die atmosphärischen Inszenierungen des belgischen Künstlers Hans Op de Beeck (*1969, lebt in Brüssel) erzeugen faszinierende Momente, die zwischen Wachheit und Träumerei oszillieren.

Op de Beeck wurde bekannt durch modellhaft verkleinerte Szenerien und raumgreifende, begehbare Installationen, die fiktive Orte illusionieren. Eine der größten davon, »Location (7)«, 2011, die im Gegensatz zu sechs weiteren Arbeiten aus dieser Serie erstmals nicht den öffentlichen Raum ins Zentrum rückt, führt über eine Treppe in das Innere eines verlassenen Appartements. Von dort aus fällt der Blick auf einen nächtlichen Hinterhofgarten mit Teich und illuminiertem Springbrunnen. Im Spiel mit der Illusion verliert sich die Trennschärfe von Realität und Repräsentation und wird der Betrachter zum realen Akteur in einer fiktiven Welt. Die eigenartige Leere verwandelt die Szenerien in reale Bühnen unserer eigenen Assoziationen und Erinnerungen. Nichts passiert, doch alles scheint möglich.

Die Arbeiten Op de Beecks sind direkt an das Prinzip Imagination gekoppelt und lassen die Grenzen zwischen künstlerischer Setzung und subjektiver Projektion unscharf werden. Sie rufen vertraute Gefühle hervor, bleiben jedoch gleichzeitig unnahbar und fremd und bergen stets eine stille, melancholische oder dunkle, unheimliche Komponente, wie beispielsweise das nächtliche Ambiente eines schneebedeckten Gartens mit Karussell, das 2005 unter dem Titel »Merry-Go-Round (2)« im Kunstverein Hannover in der Ausstellung »Night Sites« gezeigt wurde.

Neben monumentalen bühnenartigen Raumsituationen und modellartigen Szenerien umfasst Hans Op de Beecks facettenreiches Werk ebenso Filme, Zeichnungen, Malerei und Skulpturen, die er zu komplexen Erzählungen verbindet. Mit der Werkgruppe »Sea of Tranquillity« blickt er in die Zukunft und entwirft die Utopie eines gigantischen Luxusdampfers. Statt Aufbruch und Reise werden darin ambivalente Bilder skizziert, die den Glauben an eine unfehlbare Technologie in eine tragikomische Absurdität unserer postmodernen Existenz überführen. So zeigt der gleichnamige Film, in dem der Künstler auf jegliche Dialoge verzichtet, die perfekte Oberfläche einer gepflegten Gesellschaft, die sich all ihre Luxuswünsche erfüllt hat und sich dennoch in einer existentiellen Leere wiederfindet.

Das fremdartige Wechselspiel aus Modell und Illusion, Realität und Imagination, das sämtliche Arbeiten des Belgiers durchzieht, erhält durch die versteinerte Anmutung von »Location (7)« eine weitere charakteristische Brechung. Alles, was wir sehen, ist wie von einer grauen Oberfläche überzogen, die sämtliche Details eliminiert und unter der sich die alltägliche Wirklichkeit verflüchtigt. Die räumliche Präsentation ist einerseits dank ihres Realismus´ absolut glaubhaft, andererseits werden zugleich ihre Künstlichkeit und Konstruiertheit sichtbar und verschiedene Zeit- und Repräsentationsebenen miteinander verknüpft. Steht die räumliche Fiktion ganz in der Gegenwart, so verweist die verfremdende Steinimitation auf eine ferne Vergangenheit.

Die retrospektiv angelegte Ausstellung im Kunstverein Hannover ist die erste Einzelausstellung Hans Op de Beecks in Deutschland und spannt einen Bogen von 1998 bis heute.

Hans Op de Beeck »Location (7)«, 2011
Hans Op de Beeck »Location (7)«, 2011
Hans Op de Beeck »Table (1)«, 2006
Hans Op de Beeck »Table (1)«, 2006
Hans Op de Beeck »Location (1)«,1998
Hans Op de Beeck »Location (1)«,1998
Hans Op de Beeck »Sea of Tranquillity«, 2010
Hans Op de Beeck »Sea of Tranquillity«, 2010
Hans Op de Beeck »Christmas«, 2006
Hans Op de Beeck »Christmas«, 2006
Hans Op de Beeck »Nocturnal Sea (wide)«, 2011
Hans Op de Beeck »Nocturnal Sea (wide)«, 2011
Hans Op de Beeck »Staging Silence«, 2009
Hans Op de Beeck »Staging Silence«, 2009
Hans Op de Beeck »Merry-go-Round (1)«
Hans Op de Beeck »Merry-go-Round (1)«