Stufen zur Kunst

Heike Mutter und Ulrich Genth – »Second Nature«

Stufen zur Kunst Heike Mutter und Ulrich Genth – »Second Nature«
16.8.2013
31.7.2014
Kunstverein Hannover

Stufen zur Kunst ist eine Projektreihe der Stiftung Niedersachsen und des Kunstvereins Hannover, die seit 2010 in jährlich wechselndem Rhythmus raumgreifende Gestal-tungen präsentiert, die speziell für das Treppenhaus im Ostflügel des Künstlerhauses entwickelt wurden. Unter fünf eingeladenen Künstlern setzte sich 2013 das in Hamburg lebende Künstlerduo Heike Mutter (*1968, München) und Ulrich Genth (*1971, Tübingen) mit dem Konzept einer großformatigen Lichtinstallation durch und bespielt nun als vierte künstlerische Position das halböffentliche Treppenhaus.

In Heike Mutter und Ulrich Genths für die Projektreihe entwickelter Lichtskulptur »Second Nature« (2013) erstreckt sich vom Boden bis zur Decke über die gesamte Höhe von 17 Metern des Treppenaufgangs der Stiftung Niedersachsen eine hell erstrahlende Helix aus unterschiedlich langen und verschiedenfarbigen Leuchtstoffröhren. Die sich um eine zentrale Achse windende Formation greift die zirkuläre Struktur des Treppenaufgangs auf und erzeugt durch ihre entgegengesetzte Drehrichtung zugleich einen spannungsvollen Dialog. Während die räumliche Ausdehnung der Lichtskulptur in regelmäßigen Abständen zu- und abnimmt und mit den verschiedenen Ebenen des Treppenhauses korrespondiert, verwandelt der Einsatz fünf verschiedener Lichtfarben die unterschiedlichen Höhenniveaus in eine pulsierende Lichtsphäre, die sich beim Begehen des Treppenaufgangs variantenreich entfaltet und die Wahrnehmung des umgebenden Raums beeinflusst. Die vertikale Ausrichtung des architektonischen Raumkörpers wird durch die skulpturale Komposition nicht nur betont und dynamisiert, sondern buchstäblich gedoppelt, da die aufstrebende Lichtskulptur an der Decke gespiegelt und scheinbar über den Realraum hinaus fortgesetzt wird – wie eine Lichttreppe, die ins Unendliche führt.

Im Zentrum von Mutter und Genths für das Treppenhaus entwickelter Skulptur »Second Nature« (2013) steht das immaterielle Medium Licht. Die für die Installation verwendeten Leuchten mit rosa-rotem bis weiß-grünem Farbspektrum stammen aus dem Bereich der Warenpräsentation, in der die Lichtdramaturgie ein wichtiges Instrument der Verkaufsförderung ist. So intensivieren spezielle Lichttemperaturen und -farben Rottöne auf subtile Weise und lassen Fleischwaren besonders frisch und appetitlich erscheinen. In Kosmetiksalons wiederum werden sie benutzt, um Hautunreinheiten für die Behandlung sichtbar zu machen, oder sie kommen in England an beliebten Treffpunkten von Jugendlichen zum Einsatz, um diese durch das unvorteilhafte Erscheinungsbild ihrer Gesichtshaut von Orten wie bspw. Unterführungen zu vertreiben. Das Künstlerduo greift die Ambivalenz im Gebrauch von Licht auf, das je nach Kontext unterschiedliche Anwendung findet. Neben dem einerseits konsumfördernden, aber auch gesellschaftlich regulierenden Einsatz wird dieses Licht in der künstlerischen Präsentation selbst zum Anschauungsobjekt und sein Farbspektrum erfahrbar.

Der Titel »Second Nature« spielt auf eine sprachliche Mehrdeutigkeit zwischen Parallelnatur und Selbstverständlichkeit an. So kann im deutschen Sprachgebrauch die zweite Natur auch mit etwas »Gefährlichem« in Verbindung gebracht werden, wohingegen es sich im Englischen um eine alltägliche Redewendung handelt: »to become a second nature to somebody« bedeutet, dass etwas selbstverständlich bzw. natürlich wird.

Biografisches: Heike Mutter studierte an der Kunsthochschule für Medien Köln und hat seit 2007 eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Ulrich Genth studierte an der Kunstakademie Münster, war Meisterschüler bei Prof. Reiner Ruthenbeck und Gastprofessor für Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Beide erhielten als Einzelpositionen sowie als Künstlerduo mehrere Stipendien und Preise, darunter den 1. Preis im Wettbewerb für eine Großskulptur auf der Heinrich-Hildebrandt-Höhe in Duisburg im Rahmen der Ruhr 2010. Die Realisierung dieser begehbaren Skulptur »Tiger and Turtle – Magic Mountain« auf einem künstlichen Berg aus giftiger Zinkschlacke eröffnete 2011 und avancierte mittlerweile zu einem Wahrzeichen der Stadt Duisburg.
Mutter und Genth sind gleichermaßen im öffentlichen wie auch musealen Raum vertreten, u. a. stellten sie bereits auf dem dänischen Copenhagen Art Festival, im Kunsthaus Dresden, im ZKM Karlsruhe, im Ludwig-Forum Aachen, im Wallraff-Richartz Museum, Köln, und im Edith-Ruß-Haus, Oldenburg, aus. Zudem waren sie 2010 zu Gast während eines »Blind Date«-Abends im Kunstverein Hannover und nahmen 2009 an dem Hannover-Projekt »Neulicht am See« teil.

Hintergrund zur Projektreihe Stufen zur Kunst: Stufen zur Kunst ist eine Projektreihe der Stiftung Niedersachsen und des Kunstvereins Hannover. Seit 2010 werden jährlich fünf Künstler eingeladen, einen Projektvorschlag für das Treppenhaus zu entwickeln. 1999 wurde im Zuge des Umbaus im Ostteil des 1856 von Conrad Wilhelm Hase entworfenen Künstlerhauses Hannover von den Architekten Pax/Hadamczik/Arndt/Brüning ein großzügiges Treppenhaus als direkter Zugang zur Stiftung Niedersachsen eingebaut, dessen Architektur bewusst zurückhaltend und minimalistisch gestaltet wurde, um Raum für künstlerische Projekte zu schaffen.

"»Digitale Besucherinformation«":media/szk_besucherinfo_a4_druck_finalteil2.pdf

"Website Stufen zur Kunst":http://www.stufenzurkunst.de

Heike Mutter / Ulrich Genth »Second Nature«, 2013
Heike Mutter / Ulrich Genth »Second Nature«, 2013
Heike Mutter / Ulrich Genth »Second Nature«, 2013
Heike Mutter / Ulrich Genth »Second Nature«, 2013