Jon Rafman

Jon Rafman
15.8.
11.10.2020
Kunstverein Hannover

Für seine Ausstellung im Kunstverein Hannover nutzt der international etablierte Künstler Jon Rafman (*1981, Montréal, lebt und arbeitet ebenda) die lineare Abfolge der Räumlichkeiten und kreiert einen Parcours aus mehreren Kapiteln, die einen Überblick über seine verschiedenen künstlerischen Themengebiete der letzten Jahre geben. Wie kaum ein anderer seiner Generation arbeitet der Kanadier sich an der überwältigenden Bilderflut des Internets ab, seziert aus dem genannten Quellenmaterial die digitalen subkulturellen Codes, die aus dem menschlichen Konsumverhalten im Cyberspace gespeist sind, und übersetzt diese in synästhetische Erfahrungsräume.

In den letzten Jahren hat der Kunstverein mit insgesamt vier thematischen Ausstellungen zum Einzug des Digitalen in unsere Lebenswelt einen programmatischen Schwerpunkt gesetzt. – eine Reihe, die mit dem jungen visionären Künstler, der als »Cyberflaneur« die Schwelle zwischen analoger und digitaler Welt auslotet, fortgeführt wird. Er befasst sich aufs Eindringlichste mit den Abgründen des Internets und verwendet Möglichkeiten der Animation, ohne dass hierbei eine Technikverliebtheit im Vordergrund steht. Auf poetische Weise thematisiert Rafman eine virtuelle Welt voller Obsessionen, sexueller Extreme, Gewaltphantasien, aber auch voller Einsamkeit und Melancholie, die zunehmend Einzug hält in unseren realen Alltag und in den Köpfen der kommenden Generation bereits präsent ist.

Für die Ausstellung im Kunstverein plant Rafman, sein neues, über mehrere Jahre entstandenes und jüngst auf der Biennale in Venedig präsentiertes Opus Magnum »Dream Journal« (2016–2019) auf die Räume des Kunstvereins zu übertragen. Die Arbeit entstand durch die Kombination von bewusst wahrgenommenen Traumerfahrungen mit der künstlerischen Technik der »écriture automatique«, die vom Künstler in direkten Bezug zu einem bereits feststehenden Filmplot gesetzt werden. Die Verbindung von surreal-träumerischen Bildern mit einer traditionellen narrativen Struktur lässt eine filmische Atmosphäre des Unheimlichen entstehen, die vielen Filmarbeiten Rafmans zu eigen ist. Innerhalb der Rauminstallation werden den Besucher*innen zudem vom Künstler maßgefertigte vibrierende Sessel zur Verfügung stehen, die den halluzinatorischen Eindruck der Arbeit steigern.

Nicht nur Videoinstallationen, sondern auch fotografische Arbeiten gehören zu Rafmans Œuvre. Fotografien, damals wie heute, haben einen enormen Erinnerungswert. Es ist nicht allein das Foto selbst, es ist die Erinnerung an die Situation, in der das Foto geschossen wurde. Was aber, wenn Maschinen vollautomatisiert fotografieren? Wenn die Fotografien niemandes Gedächtnis auffrischen, weil die Maschine kein solches Gedächtnis hat? Erinnerungen, die niemand hat, und die Fotos, die dies zeigen, sieht Jon Rafman in den gesammelten Werken als Ergebnis des Versuchs, die Welt digital befahrbar zu machen, ein Projekt, bekannt unter dem Titel »Google Street View«. Google Street View wurde zunächst insbesondere von Datenschützer*innen kritisch gesehen. Die Skepsis wich aber schnell der Faszination dafür, das eigene Haus im Internet sehen zu können. Menschen verkleideten und positionierten sich absichtlich, um Teil dieses riesigen Panoramas der Welt zu sein, aufgenommen vom Google Street View Auto, ausgestattet mit neun Kameras. Sämtliche Menschen wurden unkenntlich gemacht, der als Scherz gedachte Schnappschuss war plötzlich nicht mehr ganz so spektakulär, wie man sich das vorgestellt hatte. Dennoch haben die neun Kameras, diese neun »Augen« allerlei Kurioses aufgenommen. Nicht nur Lustiges, auch Verstörendes und Illegales. Menschen beispielsweise, die keine Waffen tragen sollten, es aber dennoch tun. Diese Fotos, die Google niemals produzieren wollte, es unbeabsichtigt dennoch tat, sammelt Rafman und vereint sie in seiner Arbeit »9 Eyes« (2008–forltaufend). Die neuesten Fundstücke veröffentlicht er täglich auf der eigens dafür eingerichteten "Website":https://9-eyes.com/.

Jon Rafman studierte Philosophie und Literatur an der McGill University, Montréal (2000–2004) und anschließend bildende Kunst an der School of the Art Institute of Chicago (2004–2008). 2019 war er prominent auf der 58. Venedig-Biennale vertreten sowie zuvor u. a. auf der Sharjah (2017) und Berlin Biennale 2015. Einzelausstellungen fanden u. a. im Stedeljik Museum in Amsterdam (2016), im Musée d’Art Contemporain de Montréal und in der Zabludowicz Collection in London (2015) statt. Die Ausstellung ist Teil von Kanadas Kulturprogramm als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2020. Es wird unterstützt durch das Canada Council for the Arts und die Regierung von Kanada.

Jon Rafman »Dream Journal« (still), 2016-2019
Jon Rafman »Dream Journal« (still), 2016-2019
Jon Rafman  »Dream Journal« (still), 2016-2019
Jon Rafman »Dream Journal« (still), 2016-2019
Jon Rafman  »Dream Journal« (still), 2016-2019
Jon Rafman »Dream Journal« (still), 2016-2019
Jon Rafman  »9 Eyes«
Jon Rafman »9 Eyes«